Das Erbstück

Grundplatte 2x3m gross, Militär-grün gestrichen und mit edler Hartholzumrandung, darauf eine Auf- und Abfahrt mit Metallbrücke, ein mehrgleisiger Bahnhof. Die Schienen und Weichen hatten einen durchgehenden Mittelleiter. Einen kleinen Ablaufberg hatten wir zum Rangieren.

Mit der Entwicklung der Bügel- zu Relexkupplungen war es mit einem Entkupplungsgleis möglich, Güterwagen vorzuentkuppeln, den Zug über den Ablaufberg zu stossen und auf diese Weise in mehrere Gleise zu verteilen. Ausgeschmückt war jedenfalls die Anlage mit einem Bahnhof aus Blech, Häusern aus Massivholz, einem kleinen Berg mit Tunnel, einen Regeltransformator, der vor sich hin brummte und ein paar blaue Weichenstellpulte und sogar Signale zum Schalten.

Die RM 800 BR 24

lebt übrigens heute noch, nach 70 Jahren, hat einen neuen Motor, Digitaldecoder, neue LEDs und einen nichtoriginalen Tender-Ersatz erhalten. Sie ist immer noch schwer, läuft und läuft, auch nach 70 Jahren, geniesst jetzt aber langsam den Ruhestand im Schaukasten!

Und es geschah…

dass mein Bruder und ich unsere erste Dampflok, eine schwere RM800 BR 24 von ihrem Kohlenwagen trennten, dessen Oberteil entfernten und das 3-achsige Fahrgestell als Rasermodell missbrauchten. Das reine Metallunterteil war extrem flach und hielt jeder Kurve stand! Fast, denn wir puschten uns gegenseitig, ständig einen neuen »Weltrekord« aufzustellen, wer unseren »Siebensiech-Renn-Göppel« von Hand am weitesten um die ganze Anlage beschleunigen konnte.

Das führte, wegen noch fehlender Feinmotorik, zu etlichen Abflügen in ganz unterschiedliche Richtungen: Märklin = unkaputtbar.

Alles war für uns faszinierend, trotzdem wurde immer Neues versucht, abgebaut, aufgebaut, kaputt gemacht.

Für mich war schon immer klar:

Lose Schrauben sind zu befestigen, aber auch zu lösen, ein Hammer zum Draufhauen. Kaum hatte ich damals schon einen Schraubenzieher in der Hand, versuchte ich jedes Ding auseinander zu nehmen, natürlich noch ohne über das »wieder Zusammenbauen« nachzudenken, ohne Plan. Ergebnis: Schraube fehlt, Feder fehlt, Funktion fehlt usw., Vater musste nachhelfen oder es ging in die Reparatur zum damals einzigen Märklin-Händler in unserer Nähe. Bodmer hiess er, hatte ein FKW-Spielwarengeschäft und im oberen Stockwerk eine grosse Moselleisenbahn für Test- und Vorführzwecke, eine eigene Reparaturwerkstatt im Dachgeschoss und sämtliche Ersatzteile einfach am Lager. Der Ort war magisch, einfach nur um zu schauen, zu staunen und vorallem in der Weihnachtszeit zu träumen! Von einer kleinen Dampflok unter dem Christbaum.

Die Jahre flogen dahin

auch ohne Modellbahn, bis ich während der Lehrzeit erneut Pläne schmiedete. Vom Lehrlingslohn gab es immer wieder bescheidene Investitionen, aber bald folgten ganze Züge, etliche Loks und immer mehr Weichen wurden angeschafft. Ich wollte einfach immer einen grossen Bahnhof, mehr und längere Gleise, damit immer mehr Züge gleichzeitig fahren konnten. Vorallem Doppel-Kreuzungsweichen schienen mir für flexiblen und vielseitigen Zugverkehr am besten. 

Meine Anlagen wurden immer grösser und am Schluss war ein Drittel des Dachstocks - das waren an die 20 m2 - vom Treppenaufgang bis vor das Mansardenzimmer belegt. Es war mein Schlafgemach und ich musste unter der Eisenbahn hindurchkriechen, Eigenbehinderung. Jedenfalls war es eine kurze und intensive Phase, in der mit mehreren Trafos bis zu 8 Züge gleichzeitig fahren konnten, mir mehreren getrennten Stromkreisen. Mit Metallgleisen, direkt auf Holzplatten geschraubt, entstand das einzigartige, typische Märklin-Geräusch, bei 8 Zügen Lärm mal 8, damals Modellbahn pur!

Berge und Landschaft

bestanden lediglich aus einer Menge aufgeschichteter Kisten, Schachteln und Bauklötze mit darüber gelegten Kartoffelsäcken, reichlich mit Streupulver beworfen. Einfach, schnell, billig und wahrlich eine staubige Angelegenheit! Aber solange immer wieder gefahren wurde, waren die Schienen »freigepflügt« und blieben kontaktfreudig genug. Ein selbstgebautes Stellpult war auch noch in Arbeit, mit einer Unmenge an Knöpfen und Lämpchen und einem Haufen von üblichen Telefon-Relais, welche damals zu Tausenden in Telefonzentralen ihren Dienst taten. Ich wollte schon während der Lehre eine elektro-mechanische Weichenstrassen-Schaltung mit Start- und Zieltasten auf dem Stellpult und zeichnete mit Vaters Zeichenmaschine Quadratmeter-grosse Schalt- und Verdrahtungsschemen auf Packpapier. Noch während der Anfangsphase wurde das Projekt jedoch beendet, mangels Durchhaltevermögen.

S I G   Schweiz. Industrie-Gesellschaft 

Ich war in meiner Lehrzeit als Elektromechaniker in der Firma SIG Neuhausen am Rheinfall und Beringen im Wagenbau, Drehgestelle, Verpackungsmaschinen, Waffenbau, Stapler, Elektroniklabor usw. Das Elektroniklabor hatte zwar nichts mit Eisenbahn zu tun und trotzdem bekam genau ich, warum auch immer, eine Arbeit, welche eben doch mit Eisenbahn zu tun hatte. Ich durfte für die SBB Querneigungs-Steuerung der geplanten Swiss-Express-Schnellzüge Elektronik-Steckplatinen bestücken und löten. Eine SIG-Entwicklung, also reine Prototypen, welche wahrscheinlich kaum jemand zu Gesicht bekam, denn das Projekt wurde schliesslich noch während der Testphase verworfen. Zu früh die Idee, noch ohne fortgeschrittene Computertechnik, aber damals schon ein faszinierendes System, welches sich später an anderer Stelle perfektioniert bewähren sollte.

Während der Lehrzeit 1973

konnte ich an einem Lehrlingsaustausch teilnehmen. Mit dem Zug bis nach Pillichsdorf, nördlich von Wien, damals eine halbe Weltreise mit zahlreichem Umsteigen. In Wien waren die SGP Simmering-Graz-Paukerwerke, Kesselbau, Dampflokomotiven, Strassenbahnen usw. Ich sah im Werk Simmering erstmals einen Lok-Stufenschalter und musste erst mal lernen, die dicken Kabel sauber

mit Wachsschnur

zu knüpfen, um sie gebündelt zu den Schalt-Kontakten zu führen. In der SIG war das für mich unvorstellbar, denn in der Schaltschrankmontage waren Kabelbinder aus Kunststoff schon längst unersetzlich. Jetzt musste ich schon als Lehrling das Gefühl haben:

in Wien ist die Zeit stehen geblieben.

Auch in Floridsdorf und Umgebung, von Stammersdorf nach Obersdorf, wo mein Tagesritt zu meiner Gastfamilie in Pillichsdorf stattfand. Die Dorfstrasse ohne Strassenbelag und Gehsteig, keine parkierten Autos. Für mich war klar, auch hier ticken die Uhren langsamer. Der Vater der Gastfamilie fuhr täglich mit dem Mofa, immer rauchend wie eine Dampflok ins Paukerwerk, früher Lokfabrik Floridsdorf. Hier entstanden 1938 - 45 über 2000 Dampfloks für das Deutsche Reich.

In Floridsdorf waren noch einige Dampfloks zu sehen, Rangieren, Zischen, Dampfen, Hornen, Klingeln und mit intensivem Kohlegeruch. 

Für 6 Wochen war mein täglicher Höllenritt mit Dampflok und irgendwelchen Donnerbüchsen der Holzklasse von Obersdorf nach Stammersdorf. Einmal Fenster auf und... man war schwarz und parfumiert. Für mich Neuland, aber echte Eisenbahn.Doch nicht alles drehte sich nur um Eisenbahn, denn 1973 kam es genau im Weinviertel und Umgebung im Norden von Wien zur Katastrophe mit der

Maul- und Klauenseuche

Rund 80'000 Tiere mussten gekeult werden, rund 1'600 Betriebe waren betroffen. Ich erlebte in diesem Sommer einige Heurigen, bei denen sich mancher die Sorgen ertrank.

Mit der Eisenbahn hatte diese grausame Zeit und meine Erlebnisse aber trotzdem zu tun, denn von Obersdorf nach Stammersdorf ging nämlich die Bahnstrecke mitten durch Felder, über Stock und Stein. Die Dampfbahn fuhr zwar weiterhin... aber plötzlich, mitten auf dem weiten Feld: Stop - ganzer Zug aussteigen - unter Kontrolle mit den Schuhen über den 50m entfernten Seuchenteppich laufen und wieder einsteigen, ohne Niederflureinstieg!

Der Seuchenteppich: Mehrere m2 grosses Blech mit hohem Rand, gefüllt mit Sägemehl, so richtig saftig mit Desinfektionsmittel getränkt. Heute gar nicht mehr vorstellbar!

Ebenfalls in dieser Zeit war ich zum ersten mal in Strasshof, im ehemaligen Heizhaus, bis 1951 noch in Betrieb mit einem grossen Güterbahnhof. Schon 1973 waren zahlreiche Dampfloks aus ganz Oesterreich dort versammelt und vor dem Verrotten gesichert worden, denn das Ende der Dampfloks war nahe. Heute ist das Heizhaus und der Rest des damaligen Güterbahnhofs längst zu einem bedeutenden Eisenbahnmuseum geworden. Aber 1973 sah ich das Heizhaus in einem traurigen Zustand. Das Dach war nicht dicht, die Rauchfänge über den Dampfloks in schlechtem Zustand, die Wände und Räume dreckig, kaputte Scheiben, Fassaden verkommen, alles voller Russ. Unzählige alte Loks und Personenwagen, ein blauer Blitz usw. standen im Freien im Regen.

1973 hatte ich eine Zahnrad-Dampflok, Typ 97.2 2'C2' h2t noch beim Dampfen gesehen, sogar in Doppeltraktion. Es war im Erzgebirge in der Oststeiermark, in der Nähe der heutigen Murtalbahn. Wir waren als Lehrlingsgruppe auf einem gegenüberliegenden Berg in einem Haus der Naturfreunde und sahen die Erzbergstrecke von weit oben. Eigentlich herrschte dort oben Totenstille und es war schon am einnachten. Man konnte aber noch erkennen, dass das ganze Tal in dicken Rauch gehüllt wurde und dass die 2 Zahnrad-Dampfloks heulten, dampften, zischten und richtig zu kämpfen hatten. Es war sehr eindrücklich und, da es schon dunkel war, geradezu unheimlich.

Dieser Dampflokbetrieb wurde 5 Jahre später - bereits aus Umweltschutz-Gründen - verboten. Dampfloks, welche ich zum Teil noch in Fahrt gesehen hatte, erscheinen heute in neuem Glanz im

Heizhaus Strasshof, eine Augenweide!

Nach vielen eindrücklichen Bahnerlebnissen, hatte ich eine Modellbahn-Auszeit, währenddessen sich einige Entwicklungen anbahnten: die Digitalisierung, über Motorola mit Klavier-Decoder zu Mfx, DCC usw. Ob analog, digital, 2-Leiter, 3-Leiter, heute gibt es eine Riesenauswahl, für jedermann eine passende Lösung.

Zum ganz grossen Glück gibt es aber auch heute noch:

Das M-Gleis von Märklin!

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